Maler Hartmut Kiewert im Gespräch mit vanilla bean

Hartmut Kiewerts aktuelle Bilder strahlen eine berührende Friedlichkeit aus. Sie zeigen eine Welt, in der Tiere keine Waren mehr sind, sondern Lebewesen auf Augenhöhe.
Im Gespräch verrät uns Hartmut Kiewert u. a., was man beim veganen Malen beachten muss, was seine Hauptmotivation ist, und was ein Maler macht, wenn er mal nicht malt.

vanilla bean: Hartmut, wann hast du begonnen, dich mit dem Mensch-Tier-Verhältnis auseinander zusetzen, und ging dies mit deiner Ernährungsumstellung einher?

Hartmut: Ja, auf jeden Fall. Die ersten Bilder zu dem Thema habe ich 2004 zu Anfang meines Kunststudiums gemalt, da war ich noch nicht allzu lange Vegetarier.
Eigentlich wollte ich schon als Kind kein Fleisch mehr essen, als ich herausgefunden habe, dass es von Tieren stammt. Doch da hieß es Fleisch essen sei eben natürlich für Menschen und wer kein Fleisch isst, würde krank werden. Und da ich nicht krank werden wollte, habe ich es zunächst weiterhin gegesse. Im Zuge des BSE Skandals im Jahr 2000 und meines Auszugs von zu Hause, bin ich dann vegetarisch geworden. Irgendwie hatte ich aber schon damals das Gefühl, dass es noch nicht ganz das Richtige ist nur auf Fleisch und Fisch zu verzichten. Über die Jahre wurde ich dann sukzessive vegan. Sei 2008 habe ich mich dann intensiv mit dem Thema der Tierausbeutung auseinandergesetzt. Ich habe Videos geschaut und Berichte gelesen. Danach gab es für mich keine Möglichkeit mehr, Ausnahmen zu machen, ich wurde konsequent vegan und begann mich in der Malerei ausschließlich dem Mensch-Tier-Verhältnis zu widmen.

vanilla bean: Worauf muss man beim Malen im Bezug auf eine vegane Lebensweise achten? Gibt es z. B. Farben, die tierische Bestandteile enthalten?

Hartmut: Ja, es gibt ein paar. Etwa Elfenbeinschwarz oder Karminrot. Elfenbeinschwarz, bzw. Knochenschwarz wird zwar nicht mehr aus Elfenbein aber eben wirklich noch aus Tierknochen hergestellt. Karminrot wird von Schildläusen gewonnen und übrigens oft auch in rot gefärbten Lebensmitteln verwendet. Die Farben zu ersetzen ist aber nicht schwer. An Stelle von Elfenbeinschwarz kann etwa Lampenschwarz oder eine Mischung aus Ultramarinblau und Umbra verwendet werden. Auf Kaminrot zu verzichten ist auch kein Verlust, da es sehr viele andere Rottöne gibt.

Hartmut Kiewert | vanilla bean
Vegan malen ist nicht schwer, aber auch nicht so selbstverständlich, wie man vielleicht denkt . © Hartmut Kiewert

Manche Hersteller wie z. B. Lukas setzen ihren Ölfarben immer noch ein kleines bisschen Bienenwachs hinzu, da sind leider alle Farben nicht vegan. Man muss also schon etwas genauer schauen, ob in Farben tierliche Bestandteile drin sind oder nicht. Das gilt auch für diverse Grundierungen, die zum Teil mit Knochenleim oder Hautleim hergestellt werden. Offensichtlicher ist es dann bei Pinseln. Borstenhaarpinsel etwa sind aus Schweineborsten und somit nicht vegan. Aber auch hier gibt es schon seit Längerem gute synthetische Alternativen.

Wer sich nicht ganz sicher ist, ob eine Farbe oder anderes Malmaterial wirklich vegan ist, kann einfach beim Handel oder der produzierenden Firma nachfragen.

vanilla bean: Dein neuster Bilderkatalog heißt Animal Utopia. Kannst du uns etwas mehr über diese Projekt erzählen?

Hartmut: Nach >>mensch_tier<<, das 2012 erschien, ist Animal Utopia mein zweites Buch. Es ist der erste umfangreiche Band, der meine künstlerische Arbeit der letzten 10 Jahre zusammenfasst.

In >>mensch_tier<< habe ich mit meinen Bildern versucht, die Verbindung von der Ware Fleisch zum Tier wieder herzustellen und auch die Brutalität dahinter darzustellen und anzuprangern. Animal Utopia ist eine Art Vorschau, wie das Mensch-Tier-Verhältnis aussehen könnte, wenn sich Mensch und Tier ohne Ausbeutung gleichberechtigt auf Augenhöhe begegnen. Menschen und sogenannte „Nutztiere“ begegnen sich in der Stadt oder beim Picknick. Von der Tierausbeutung sind nur noch die Ruinen übrig geblieben, vor denen Schweine und Kühe frei herumlaufen. Auf weiteren Bildern erobern „Nutztiere“ den Innenraum menschlicher Behausungen. Mein Ansatz bei all diesen Bildsträngen ist, durch das Verschieben der Tiere aus den Ausbeutungseinrichtungen heraus, rein in Räume in denen sie heute normalerweise nicht vorkommen eine empathischere Sichtweise bei den Betrachtenden hervor zu rufen.

Worüber ich mich bei dem Buch sehr gefreut habe, ist, dass Jessica Ullrich den Begleittext geschrieben hat. Sie ist im deutschsprachigen Raum die Kunsthistorikerin, die am allermeisten zum Mensch-Tier-Verhältnis publiziert hat. Für das Vorwort konnte ich Hilal Sezgin gewinnen, dafür bin ich auch sehr dankbar.

vanilla bean: Wen möchtest du mit deinen Bildern und deinen Büchern erreichen?

Hartmut: Meine Hoffnung ist natürlich, dass ich Menschen erreiche, die sich noch gar nicht kritisch mit ihrem Verhältnis zu anderen Tieren befasst haben. Dass sie über die Malerei einen Zugang finden, nichtmenschliche Tiere mal aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten und ihr eigenes (Ess-)Verhalten in Frage stellen. Dies ist meine Hauptmotivation. Ich freue mich aber auch immer sehr über Menschen aus der veganen Bewegung, die mir sagen, dass ihnen die Bilder Hoffnung und Kraft geben, weiter gegen die schwer zu ertragenden Realität der Tierindustrie anzukämpfen, in dem sie sie den Erfolg unserer Bewegung vorscheinen lassen.

Hartmut Kiewert | vanilla bean
Lazy Afternoon II. Eine Welt, in der sich Menschen und Tiere auf Augenhöhe begegnen. © Hartmut Kiewert

vanilla bean: Auf deinen Bildern sind oft Tiere zu sehen, die es im realen Leben auf Lebenshöfen wirklich gibt. Welchen besonderen Reiz hat das für dich?

Hartmut: Die Tiere von Lebenshöfen zu malen, ist eine schöne Verknüpfung der Utopie im Bild und der konkreten Utopie, die auf den Höfen ja schon ein Stück weit stattfindet. Die Tiere werden dort nicht mehr als Waren behandelt sondern als Individuen. Früher habe ich auch in Tierparks und Zoos gezeichnet, das habe ich dann irgendwann sein lassen, weil ich es nicht mehr ertragen konnte, die eingesperrten Tiere einfach nur zu beobachten und nichts unmittelbar an ihrer miserablen Situation ändern zu können. Auf den Lebenshöfen ist es natürlich etwas ganz anderes. Da haben die Tiere keine Funktion mehr für den Menschen, sondern sind nur für sich selbst da.

Hartmut Kiewert | vanilla bean
A Coffee Break. Rosa-Mariechen von Hof Butenland kann man öfters auf Hartmut Kiewerts Bildern entdecken. © Hartmut Kiewert

vanilla bean: Welche Lebensgeschichte der von dir gemalten Tieren hat dich besonders berührt?

Hartmut: Eigentlich kann ich da keins besonders hervorheben. Es ist immer eine besondere Erfahrung, die Tiere auf den Lebenshöfen kennen zu lernen, ob es nun vormals im Labor war oder aus einer Mastanlage gerettet wurde. Es gibt schon Tiere, die öfters auf meinen Bildern vorkommen. Rosa-Mariechen von Hof Butenland ist eins davon. Wenn ich sie im Atelier nach einer Fotovorlage male, dann denke ich natürlich daran, wie ich ihr begegnet bin. Oder Mattis, deren Mutter sich selbständig vom benachbarten Milchbauern rüber auf die Butenlandweide gerettet hat, und Mattis dadurch in Freiheit geboren und aufgewachsen ist. Wenn die Bilder in der Ausstellung hängen und ich ins Gespräch mit den Betrachtenden komme und die Geschichten der Tiere erzählen kann, dann ist das auch nochmal eine starke Ebene der Vermittlung, dass Tiere eigenständige Persönlichkeiten sind.

vanilla bean: Deine Bilder kann man auf deiner Website als Poster oder Postkarte kaufen. Kann man sich die Originale in deinem Atelier in Leipzig anschauen?

Hartmut: In der Leipziger Spinnerei, in der ich mein Atelier habe, gibt es dreimal im Jahr Rundgänge, zu denen immer tausende Besucher*innen kommen. An diesen Tagen öffne ich auch mein Atelier für Interessierte. Das ist auf Anfrage aber auch sonst jederzeit möglich. Ansonsten habe ich mehr oder weniger regelmäßig Ausstellungen an verschiedenen Orten. Gerade läuft noch in Essen in der Galerie KK - Klaus Kiefer, die mich seit dem letzten Jahr vertritt, eine Gruppenausstellung in der auch Bilder von mir zu sehen sind. Weitere Infos zu aktuellen und auch vergangenen Ausstellungen finden sich auf meiner Website.

Hartmut Kiewert | vanilla bean
Ausstellungen von Hartmut Kiewert können wir jedem sehr ans Herz legen. © Hartmut Kiewert

vanilla bean: Mit der Malerei hast du deine Leidenschaft zum Beruf gemacht. Was machst du, wenn du gerade nicht malst?

Hartmut: Es steht natürlich neben der Malerei immer viel Bürokram und Organisatorisches an, ich mache alles weitgehend selber. Jetzt hat mich zum Beispiel die neue Datenschutzverordnung viel Zeit gekostet. Ansonsten bin ich bei der Ortsgruppe der Tierbefreier e.V. hier in Leipzig aktiv. Wir organiseiren Kundgebungen gegen unterschiedliche Formen der Tierausbeutung in Leipzig. Darüber hinaus veranstalten wir auch Vorträge zu Theorie und Praxis der Tierbefreiungsbewegung und machen Soliarbeit für gefangende Aktivist*innen. Desweiteren bin ich bei der Leipziger Rhythms of Resistance Aktions-Samba-Band aktiv, mit der wir unterschiedliche Aktionen und emanzipatorische Bewegungen lautstark unterstützen und machmal auch selber kleine Aktionen auf die Beine stellen. In den letzten Jahren waren wir natürlich auch sehr viel gegen den Rechtsruck, Legida, AFD und Co. auf der Straße. Langweilig wird mir also nicht (lacht). Mein Lieblingstag sieht aber eigentlich schon so aus, dass ich nach dem Aufstehen und einem Kaffee meine Mails checke, evtl. Bestellungen fertig mache und danach in mein Atelier gehe und Ruhe habe zum Malen.

Über vanilla bean

vanilla bean ist der größte deutschsprachige vegane Restaurantführer. Die mehrfach ausgezeichnete App wurde unter anderem von Apple, CHIP und Spiegel vorgestellt. Hol dir die kostenlose App für dein iPhone oder Android-Smartphone!

vanilla bean, der preisgekrönte vegane Restaurantführer

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