Vom Fettes-Brot-Manager zum veganen Blogger – ein Interview mit Jens Herrndorff

Der Hamburger Jens Herrndorff ist veganer Blogger ichbinjetztvegan.de, ambitionierter Ausdauer-Sportler, Veganer und seit Jahren Manager einer der bekanntesten deutschen Hip-Hop-Formationen - Fettes Brot. Im Interview verrät er euch seine Tipps für den Einstieg in die vegane Ernährung, welche vegane Kochbücher besonders für Sportler geeignet sind und erklärt warum das Thema "vegan" so polarisiert.

vanilla bean: Jens, ein großer Teil in deinem Blog ist dem Einstieg in eine vegane Ernährung gewidmet. Was waren für dich die größten Hindernisse zu Beginn und wie hast du sie überwunden?

Jens: Ich muss gestehen, dass mir der Umstieg vom Vegetarismus zum Veganismus deutlich leichter fiel als gedacht. Ich habe die Umstellung meiner Ernährung als spannend und sehr bereichernd empfunden. Ich staune selbst heute immer noch über den Erfindungsreichtum der veganen Küche. Insofern kann ich auch nicht sagen, dass ich etwas „vermisse“. Ich weiß aber, dass dies für viele Vegan-Einsteiger ein Problem ist. Viel hat dabei mit der Einstellung und dem Image der veganen Ernährung zu tun, das sehr von Einschränkung und Verzicht geprägt ist. Wenn man aber erst einmal herausgefunden hat, dass genau das Gegenteil der Fall ist und die Ernährung deutlich vielfältiger, abwechslungsreicher und spannender wird, steht einem nichts mehr im Wege. Ich empfehle Zweiflern immer, sich mal einen oder mehrere Besuche in guten veganen Restaurants zu gönnen und sich überraschen zu lassen, was die vegane Küche so zu bieten hat. Ein wirkliches Hindernis und heute noch vielfaches Ärgernis ist für mich allerdings, dass in gefühlt 99% aller Fertigprodukten tierische Bestandteile enthalten sind. Oftmals mehr als unnötig. Wenn man allerdings seinen lokalen Supermarkt erst einmal gescannt und „auf den Kopf gestellt hat“, weiß man schnell, wo man zugreifen kann und wo nicht.

Ich staune selbst heute immer noch über den Erfindungsreichtum der veganen Küche.

vanilla bean: So mancher der konsequent vegan Leben möchte, gibt auch wieder auf. Welche goldenen Tipps hast du für Einsteiger, damit gerade das nicht passiert?

Jens: Ich finde es immens wichtig, nicht zu streng mit sich zu sein. Wer bestimmt denn den Maßstab, was es heißt, vegan zu leben? Ich persönlich finde es vollkommen okay, wenn jemand beschließt, sich einen Tag in der Woche oder auch mal nur für 30 Tage vegan zu ernähren. Wer weiß, vielleicht wird mit der Zeit mehr draus? Das versuche ich auch den Lesern meines Blogs mitzugeben: Du allein bestimmst über dein Leben und deine Ernährung. Insofern gibt es kein Richtig und Falsch. Damit schließt man schon mal eine Menge Enttäuschungspotenzial aus.
Ich finde es wichtig, überhaupt erst einmal anzufangen und sich mit dem Thema Veganismus und den eigenen Beweggründen auch wirklich auseinanderzusetzen. Die Konsequenzen daraus sind dann ja sehr persönlich. Ob ich mich auf vegane Ernährung „beschränke“ oder auch meine Lederschuhe und alle anderen tierischen
Produkte aus meinem Leben verbanne, muss dann jeder selbst entscheiden. Was die Ernährung anbelangt, sollte man es sich zu Anfang so einfach wie möglich machen. Viele vegane Kochbücher kommen mit den exotischsten Zutaten daher, von denen viele Einsteiger zuvor noch nicht einmal was gehört haben. Das man da schnell frustriert ist, kann ich nachvollziehen. Ich rate daher immer zu Kochbüchern und Rezepten, die es einem möglichst einfach machen. „Vegan für Faule“ von Martin Kintrup ist ein Kochbuch, das ich sehr empfehlen kann.
Ich rate daher immer zu Kochbüchern und Rezepten, die es einem möglichst einfach machen. „Vegan für Faule“ von Martin Kintrup ist ein Kochbuch, das ich sehr empfehlen kann.

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vanilla bean: Was war bei dir der Auslöser um vom Vegetarier zum Veganer umzusatteln? Gab es so etwas
wie einen Erleuchtungsmoment?

Jens: Zu dem Thema habe ich vor gar nicht all zu langer Zeit einen Blogartikel mit dem Titel „Wie ich erstaunlicherweise zum Veganer wurde“ geschrieben. Der Titel legt schon nahe, dass ich mich selbst ein wenig damit überrascht habe. Eine gewisse Rolle hat dabei veganes Mett gespielt, wie man in dem Artikel nachlesen kann. Ein weiterer Auslöser war ein veganes Essen bei einer Freundin. Das war so toll, dass ich danach beschlossen habe, es einfach auch einmal mit der veganen Ernährung zu versuchen. Ob für eine Woche, einen Monat oder länger, war mir dabei völlig egal. Im nach hinein hat es dann viel mehr verändert, als mir damals bewusst war.

vanilla bean: In deinem Blog stellst du auch immer wieder Buch- und Medien-Tipps vor. Welche Bedeutung hat für dich vegane Literatur gespielt und welche Bücher möchtest du jedem ans Herzen legen, der sich für eine vegane Lebensweise interessiert?

Jens: Die Bücher „Vegan in Topform“ von Brendan Brazier und auch „Finding Ultra“ von Rich Roll hatten in der Tat einen immensen Einfluss auf meine Entscheidung für die vegane Ernährung. Als ambitionierte Radsportler und Läufer war und ist es für mich von großem Interesse, meinem Körper die optimalen Nährstoffe zuzuführen, um auch
entsprechend Leistung zu bringen. Insofern kann ich die Bücher allen Sportlern ans Herz legen.
Ansonsten kann ich nur jedem, der seine Ernährung überdenken möchte, „Tiere essen“ von Jonathan Safran Froer und „Anständig essen“ von Karen Duve ans Herz legen. Beides zwar keine explizit veganen Bücher, aber sie beschäftigen sich beide auf eindrucksvolle Weise mit der Art und Weise, wie wir uns ernähren und welche
Konsequenzen dies für uns und unsere Umwelt hat.

vanilla bean: Wenn man mal außerhalb der veganen Zirkel schaut, gibt es teilweise heftige, oft feindliche Reaktionen auf das Thema vegan. Wie gehst du selbst mit so etwas um und wie kommt es dazu, dass dieses Thema so polarisiert?

Jens: Ach, ich bin da eigentlich sehr entspannt. Ich kann auch durchaus über Veganerwitze lachen und habe kein Problem damit, solange es nicht persönlich und beleidigend wird. Einer meiner Facebook-Follower hat dazu neulich einen interessanten Kommentar gepostet, nachdem einige „Fleischverfechter“ aufgrund eines Beitrags über einen veganen Metzger ihre mehr oder weniger qualifizierten Beiträge hinterließen. Er verwies darauf, dass Veganer oder Vegetarier allein aufgrund des implizierten höheren moralischen Anspruchs im Vergleich zum gesellschaftlichen Konsens eine Provokation für jeden Fleischesser darstellen. Damit kann ich durchaus was anfangen. Aber wie gesagt: Ich bin weit davon entfernt zu belehren oder zu missionieren. Ich lebe aus eigenen, sehr persönlichen und freien Entschlüssen vegan und teile meine Erfahrungen gerne mit anderen. Dass ich damit auch Fragen provoziere und auf Widerstand stoße, finde ich nur legitim und sorgt außerdem dafür, dass man seine eigene Position immer mal wieder hinterfragt. Denn mal ehrlich: Nur weil man auf tierische Produkte verzichtet, hat man die Weisheit auch nicht für sich gepachtet, oder?

vanilla bean: Du schreibst selber, dass eine vegane Ernährung gesund ist, vielleicht sogar die Gesündeste. Aber auch, dass man auf bestimmte Dinge aufpassen muss. Du hast dich sehr intensiv mit dem Thema Gesundheit auseinander gesetzt. Auch die China-Study gelesen. Was sind deine Ernährungs-Tipps für Veganer? Gibt es Dinge auf die man besonders achten sollte?

Jens: Ich tue mich immer ein wenig schwer mit konkreten Tipps, da die Gesundheit von den individuellen Umständen einer jeden Person abhängt und ich kein Arzt bin. Was gut für den einen ist, muss nicht gut für den anderen sein. Insofern kann ich mich nur auf ein paar allgemeine Ratschläge beschränken: frische und ausgewogene Kost, viel Obst und Gemüse, wenig verarbeitete Produkte, ausreichend Hülsenfrüchte und gesunde Fette zu sich zu nehmen und natürlich genug Wasser zu trinken. Die Ernährungspyramide des VEBU gibt dazu bspw. sehr gute Anhaltspunkte. Und das Thema Vitamin B12 sollte man nicht außer acht lassen und entsprechend ergänzend zu sich nehmen. Aber das bespricht man am besten auch mit einem kompetenten Arzt.

Nur weil man auf tierische Produkte verzichtet, hat man die Weisheit auch nicht für sich gepachtet, oder?

vanilla bean: Du bist seit Jahren als Manager von "Fettes Brot" aktiv. Zusammen mit Bär Läsker von den fantastischen Vier, leben nun gleich zwei Manager legendärer deutscher Hip-Hop-Bands pflanzlich! Kool Savas lebt schon seit langem vegetarisch. Albino und Vega vegan. Daneben gibt es Rapper wie der Berliner Fler der schon mal "auf Veganer schießt, nach dem Yoga". Als jemand der die Szene gut kennt: Gibt es den einen oder anderen Gangster-Rapper, der im Verborgenen Matcha-Tee schlürft und auf dem Sofa Chia-Pudding löffelt? 

Jens: Eine amüsante Vorstellung, aber darüber muss ich leider den Mantel des Schweigens hüllen.